Lusitana (Jürgen Hansen) (de)  

 

                        Via Lusitana.....tausend&vierzig nach Santiago (Jûrgen Hansen)

 

  http://www.rad-forum.de/topics/1079756

 

  Attention : Reportage des trajets effectués EN VÉLO sur la Via Lusitana

  entre Alcoutim et Braga, et entre N.S.Lapa et Santiago,

  en 2013 et 2014, avant la mise à jour publiée en 2015 (voir Algarve - Ourense (Hass) mise à jour 2015)

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                                                Ein paar Fakten zur Via Lusitana:

 

  Gesamtlänge bis Santiago de Compostela ca. 1100 km. Gesamthöhenmeter ca. 18.000

 

  Die Strecke verläuft fast ausschließlich auf asphaltierten Strassen, die nahe am eigentlichen Wanderweg liegen. Den Track bei GPSies habe ich zusammen mit Herrn Hass ausgearbeitet. Er bietet einige Steigungen und wenige Sand- und geschotterte Wege. Einige bin ich gefahren. Keiner war für mich unfahrbar. Warnungen vor extremen Steigungen sind im Track als Wegpunkte aufgeführt.

 

  Wer sich die Streckenführung genau anschaut, wird immer eine Ausweichroute auf der Nationalstraße finden. Die haben selten mehr als 8%. Nur hinter Vila Real gibt es keine Ausweichmöglichkeit. Wer sich das nicht zutraut, der mag ein Taxi nehmen, denn die Abfahrt durch den Parque do Alvão ist wunderschön und bietet sensationelle Ausblicke.

Die Empfehlungen für Hotels und Restaurants sind von mir.

 

  Meine gefahrene Strecke bei GPSies

  http://www.gpsies.com/map.do?fileId=yeogwcsxwzqtkobl  

 

  Überarbeitete Gesamtplanung der Via Lusitana bei GPSies für Radfahrer

  http://www.gpsies.com/map.do?fileId=vbadxnhnsaahekwk

 

  vergleichende Darstellung

  http://www.gpsies.com/viewTracks.do?fileId=vbadxnhnsaahekwk&fileId=yeogwcsxwzqtkobl

 

  Credential

  Es gibt keine Möglichkeit, sich den Pilgerausweis vor Ort zu besorgen. Dieser kann in Deutschland bei der Jakobus Gesellschaft beantragt werden.

 

  Kartenmaterial Papier:

  Die 1.300.000 Karte von Marco Polo reicht m.E. völlig aus.

  Rote Strassen haben in der Regel einen Seitenstreifen, auf dem sich sicher fahren lässt. Manchmal werden allerdings Knotenpunkte und kurze Abschnitte zu Autobahnen, die nicht immer vorhersehbar sind.

  Gelbe Strassen waren für mich alle problemlos zu fahren. Hier gab es wenig bis sehr wenig Verkehr.

Weiße Strassen sind selten geschottert, folgen aber jedem Hügel und waren für mich das Salz in der Suppe.   Die schwarzen Linien sind i.d.R. Feldwege und für ein ungefedertes Reiserad mit >45Kg schwer zu bewältigen. (oft Sand, Geröll und Flussquerungen)

 

  Kartenmaterial GPS:

Ich hatte die Topo Lusitania v.097 ,

  https://mega.co.nz/#!oMYVhCLI!Mw8gFT3nLF1yVJOJ11oLOgf7SE8_pWU_BJMH7_fJ8tg

 

  City-Navigator

 

  und die OpenFietsMap Europa.

  http://www.openfietsmap.nl/downloads/europe

 

  Damit war ich bestens ausgerüstet.

 

  Kopfsteinpflaster

Mir sind außerhalb der Orte keine längeren Passagen bekannt. Innerhalb der Städte und Dörfer ist Kopfsteinpflaster allerdings noch weit verbreitet.

 

  Übernachtungen:

  Wer sich die Campingplätze von Archies anschaut, wird sehr wenige auf der Strecke finden. Ich kann dazu nichts sagen, da ich immer in den Dörfern oder Städten übernachtet habe. Die Preise für ein EZ mit Frühstück lagen zwischen 20,- Euro und 35,- Euro. Ausnahmen bestätigten die Regel.

  Für Pilger mit dem Pilgerausweis bieten die Feuerwehren oft Übernachtungsmöglichkeiten. Manchmal gibt es nur eine Schlafstelle auf dem Betonboden. Manchmal ist auch ein Gästezimmer vorhanden.

  In der Regel habe ich mich auf die Empfehlungen aus dem Buch zur Via Lusitana verlassen. Die Daten werden im Update auf der Verlagsseite, stets aktuell gehalten.

 

  Wettervorhersage

  Auf IPMA gibt es recht zuverlässige Vorhersagen.

  http://www.ipma.pt/pt/otempo/prev.localidade/index.jsp

 

  Laptop & Co

  Es gibt von Vodafone Datenkarten mit 1,5 oder 4 GB für 7 oder 30 Tage (14,95 Euro). Eine Registrierung ist nicht notwendig.

  Die APN ist wichtig.

  http://wiki.apnchanger.org/Portugal

 

  Rad im Zug

  Hier gibt es einen aktuellen farbigen DIN A3 Plan. In der Regel kann man sein Rad unverpackt auf den schwarzen Regionalstrecken mitnehmen. Link auf aktuelles PDF. Es gibt eine Anzahl von alten Karten im Netz. Man erkennt die aktuelle daran, dass es keine Verbindung von Covilha nach Guarda gibt.

 

  Rad im Bus

  Mir ist nur die die Busgesellschaft A.V. Minho, bekannt,

  http://www.avminho.pt/

  die jedoch ausschließlich die Küstenstrecke zwischen Porto und Viana, sowie die Strecke am Rio Minho bis Melgaco bedient. Andere Buslinien in Portugal, die Räder unverpackt mitnehmen, sind mir nicht bekannt.

 

  Bom Caminho und bleibt gesund. Jürgen

 

  http://www.juergenjansen.de/Reisen.html

  http://www.juergenjansen.de/ordner/Radtouren/Portugal/Album/index.html

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                         Via Lusitana.....tausend&vierzig nach Santiago (Juergen)

 

  http://www.rad-forum.de/topics/1079756

 

  Juni 2013............Via Lusitana Teil I .. von der Algarve nach Guarda

  September 2014...Via Lusitana Teil II .. von Lapa über Ourense nach Santiago de Compostela

 

  das Buch............. Jakobsweg Ostportugal - Via Lusitana

  Auf der Verlagsseite findet sich ein immer aktuelles Update, das der Reisende bei sich haben sollte

Der Jakobsweg im Osten Portugals, die Via Lusitana, führt von Vila Real de Santo Antonio (PT) in 45 Wanderetappen nach Ourense (ES). Zu Fuß sind etwa 1000km zu bewältigen.

  Der Weg von Ourense nach Santiago folgt der Via de la Plata und beträgt ca.110 km.

 

.............................1977: Im strömenden Regen fahren wir auf der 75/5 mit rotem Tank, Langschwinge und ohne Regenkombis durch Portugal. In Estremoz dürfen wir für ganz kleines Geld in der Pousada Rainha Santa Isabel übernachten und das Wasser aus den Stiefeln schütten. Im Restaurant waren wir umgeben von feinen Engländern in Abendgarderobe, während im Zimmer die Lederklamotten an der altehrwürdigen Vorhangstange trockneten.

 

.............................1979: Mitten im Nirgendwo, irgendwo im Nordosten, wir hatten seit Ewigkeiten kein anderes Auto mehr gesehen, bricht die linke Antriebswelle der Dyane. Weiterfahren war mit der Göttin der Jagd unmöglich. Ein Taxifahrer bringt mich und die von mir fachmännisch ausgebaute Welle zum Citroënhändler, anschließend zu einem Schrottplatz, legt sogar Geld für mich aus, sucht mit mir und seiner Engelsgeduld zusammen eine offene Bank oder ein Hotel, wo ich einen Eurocheque tauschen kann. Wir hatten Erfolg. Die Sucherei dauerte fast zwei Stunden und kostete 8,- Deutsche Mark.

 

.............................2012: Durch Zufall entdecke ich das Buch von Herrmann Hass über den mir bis dahin unbekannten Jakobsweg im Osten Portugals. Die Erinnerungen an alte Zeiten sind geweckt. Da ich gleichzeitig den dringenden Wunsch verspüre, an altbekannte Orte der Westalgarve und endlich mal nach Santiago zu radeln, springt mir dieses Buch förmlich ins Gesicht. Entdeckt. Gekauft. Gelesen. Ich rufe beim Conrad Stein Verlag an und bitte um Rückruf von Herrn Hass.

  "Mit dem Fahrrad? Sind Sie verrückt. Ich habe ein Wanderbuch geschrieben. Die Wege sind steil. Sie gehen über Wiesen und Felder, durch Flüsse und über Bergpfade. Da können Sie unmöglich mit einem normalen Rad lang fahren. Wir sollten uns treffen, damit Sie sich nicht ins Verderben stürzen!"

 

  Vorweg: Wir haben 4 mal gemeinsam stundenlang am Computer gesessen und die Strecke fahrradtauglich gestrickt. Wir haben noch sehr oft miteinander telefoniert, gelacht, gegessen und erzählt. Dabei hat Herr Hass viel aus dem Nähkästchen geplaudert, mich, trotz meiner Bedenken bezüglich der zu erwartenden Höhenmeter, in meinem Vorhaben bestärkt. Er schwärmte von der Herzlichkeit und Freundlichkeit der Bevölkerung, von abwechslungsreichsten Landschaften, farbenfrohen Blumenwiesen und urigen Dörfern, in denen die Zeit stehen geblieben scheint. Meine Begeisterung wuchs, und ich musste ihm versprechen, die Strecke auf jeden Fall durchzuziehen. Hätte ich dieses Versprechen ihm und mir nicht gegeben, wäre dieser Reisebericht wahrscheinlich niemals entstanden.

  Dazu kommt, dass ich im Vorfeld zu dieser Tour im Rad-Forum diese Fragerunde gestartet habe, der ich mich auch verpflichtet fühle. Zu viele Menschen haben mir gute Tipps gegeben.

 

.............................März 2013:Pilgerstimmen: Erlebtes und Gefühltes auf dem Jakobsweg. In diesem Buch beschreiben Pilger aus dem Jakobus-Peregrino Internetforum ihre Erlebnisse auf dem Caminho Frances. Jose Maria beschreibt einen sehr ergreifenden Tag und fasst ihn mit den Worten: "Ich werde diesen Tag in mir tragen bis der Vorhang fällt." herzbewegend zusammen. Ich kenne Jose Maria und schätze ihn als einen sehr empfindsamen Menschen. Seine Sicht der Dinge macht mir zum 2. Mal Mut und ist Ansporn zugleich, mich wirklich auf diese Reise zu begeben.

 

.............................Mai 2013: Wir sitzen im gleichen Flieger nach Lissabon. Der eine will mit dem Rucksack in den Norden, der andere mit dem Rad in den Süden. Beide haben ein Garmin. Nur einer hat, dank eines lieben Mitgliedes des Rad-Forums, seit Berlin etwas Ahnung. Wir verbringen den Flug vorm Laptop.

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  Via Lusitana.....tausend & vierzig nach Santiago - Teil I (Juni 2013)

  Alcoutim . Beja . Estremoz . Covilha . Guarda  

 

  http://www.rad-forum.de/topics/1079756

 

. Alcoutim

 

  Nach meiner Anfahrt von Lissabon durch die Westalgarve und die nördliche Ostalgarve gönne ich mir einen Ruhetag in der kleinen Stadt am Rio Guadiana, der hier die Grenze zu Spanien bildet. 4.970gr Zelt & Co fliegen mit CTT nach Hause. Es gibt sowieso nur wenige Zeltplätze auf der Strecke, und ich möchte gerne in den Dörfern übernachten, um mehr über Land und Leute zu erfahren.

Ab heute bin ich ein Pilger. Heute lasse ich mir in der Touristeninformation meine erste Muschel in das Beglaubigungsschreiben stempeln. Es ist ein eigenartiges Gefühl. Auf dem Weg durchs Dorf sehe ich für lange Zeit den drittletzten Radfahrer mit Reisegepäck. Ein Engländer kurvt mit 5 gelben Ortliebs durchs Dorf und schimpft über die portugiesische Küche. Es gäbe keine Nudeln in diesem Land. Er will weiter über den Rio Guadiana nach Spanien.

  Morgen beginnt endlich meine Reise auf der Via Lusitana. Ich kann es kaum erwarten.

 

- Alcoutim . Mertola

 

  Früh am Morgen hau ich mit 5kg weniger auf dem Bock so richtig in die Hacken. Ich fühle mich ein wenig wie Dan Aykroyd auf seiner Tour im Auftrag des Herrn. Die Quittung bekomme ich später. Die Luft ist nach 400hm raus. Dann schiebe ich eben und verschiebe meine Ambitionen, 10% zu schaffen, auf morgen! In Cortes Pereiras trinke ich meinen ersten Kaffee und werde nach einer Zigarette angebettelt. Eine Zweite ist ebenfalls in Ordnung, doch die Bitte mit reibendem Daumen und Zeigefinger lehne ich ab.

Es wird richtig heiß. Mein Wasser wird knapp. Im Süden fließen die Flüsse ins südliche Meer. Hier im Osten fließen sie nach Osten. Die Berg- und Talfahrt nach Norden geht weiter.

Am flimmernden Horizont taucht ein Straßencafe in Alamo auf. Fechado! Geschlossen! Ich jammere Richtung Himmel, bete nach einen Aldi oder Lidl. Nix. Es muss auch so gehen, sind ja nur noch 8km und ein Flussbett bis Mertola. Die Schönheit dieses Ortes erschließt sich mir nicht sofort. Mein Tacho zeigt gnadenlose 56° in der Sonne, während ich kalte Getränke literweise und eine Portion Mittagessen verdrücke, von der auch Toxxi sicherlich satt geworden wäre.

 

  Ich wurde für meine Strapazen von dem Herrn mit den beiden aufgerichteten Daumen sehr gelobt. Es war also Zeit, den Laptop anzuwerfen und bei booking.com nach einer Herberge zu suchen. Schnell finde ich ein Zimmer für 15,- Euro, was selbst die Dame am Empfang zunächst gar nicht glauben wollte. Das Centro de Estagio do Guadiana im Centro Nautico ist wirklich Klasse.

 

  Während meines Dorfrundgangs hat es mir der friedliche Platz vor der geschlossenen Kirche so richtig angetan. Die Kirche war bis 1238 n.Chr. eine Moschee, bevor König Sancho II. ganz Mertola den Santiagorittern schenkte. Blut fließt über die Befestigungsmauern. Leichen liegen auf dem Kopfsteinpflaster. Kinder schreien verzweifelt nach ihren Müttern. Mit Schaudern denke ich daran, welche Gemetzel hier stattgefunden haben müssen. Wie viel Blut ist geflossen im Namen der Römisch-katholischen Kirche? Gibt es irgendwo in Europa Gedenkstätten für die abgeschlachteten Muslime? Hat sich die katholische Kirche dazu jemals offiziell geäußert? Ich weiß es nicht. Ich frage mich das, denn ich folge einem Pilgerweg zu Ehren des Maurentöters, des Schlachthelfers und Soldaten Christi, und ich bin weit weg davon, diesem Kult gedankenlos hinterher zu laufen.

 

  Franco benutzte den Glauben der Spanier auf seine perfide Weise und erklärte 1937 das Fest des Jakobus zum spanischen Nationalfeiertag. Heute ist der 25. Juli zwar kein Nationalfeiertag mehr, es wird aber immer noch der Jakobstag zu Ehren des spanischen Schutzpatrons im ganzen Land gefeiert. Obwohl es in Spanien, im Gegensatz zu Portugal, keine Revolution gab, ist es erbärmlich, dass immer noch Strassen nach Franco (Beispiel aus Santiago) benannt sind. Die letzten Denkmäler des Diktators sind erst 2004 nach langem Gerangel entfernt worden. FAZ: Franco soll gestürzt werden In Portugal sind zumindest keine öffentlichen Plätze mehr nach Salazar oder Caetano benannt. In diesem Punkt haben sie schnell gehandelt.

 

  Etwas versöhnlich stimmt mich die Ansicht von Nancy L. Frey, die gerne und überall zitiert wird, wenn es um die inneren Widersprüche zum Jakobsweg geht. Sie schreibt sinngemäß, dass der Jakobsweg mit seinen Wurzeln im christlichen Europa die ideale Basis schaffen und in der Lage sein kann, politische Differenzen zu überwinden und einen Kontinent mehr durch den Klang trampelnder Füße als durch Kriegstreibereien zusammenzuführen. Ihre Sicht auf die Widersprüche könnte hilfreich sein, hätte sie die trampelnden Füße aus dem Nahen- und Fernen Osten mit einbezogen. Im Miteinander aller Nationen und Religionen dieser Welt können wir auf einem Weg gehen. Wir können Freude und Kummer teilen und uns in der Gemeinschaft über Natur, Land und Leute respektvoll und lebendig austauschen. Toleranz ist für mich Sinn und Zweck des Jakobsweges. Das ist aber auch mit ein Grund, mich aufs Fahrrad zu setzen und zu reisen.

In dieser Erwartung bin ich losgefahren.

 

  Ich treffe schon wieder einen Reiseradler. Ein Norweger ist im Stress. "Muss morgen da hin, damit ich dann dort, später hier und nächste Woche meinen Sohn in Spanien treffen kann, um danach ganz zügig………."

Ich habe vergessen, was er noch alles wollte. Dafür erinnere ich mich aber noch gut an den leckeren Bohneneintopf mit Blick auf die Brücke über den Rio Guadiana, auch wenn es am Abend heftigst regnet.

 

- Mertola . Beja ................63 km

 

  Ein Ratschlag von Herrn Hass war, dass ich mich bei der ADPM in Mertola danach erkundigen möchte, ob die Römerfurt durch den Ribeira de Terges passierbar sei. Mir wurde von den anwesenden Damen und Herren der Naturschutzorganisation jedoch wegen des hohen Wasserstandes dringend abgeraten, es zu versuchen. Einen Stempel erhalte ich von ihnen. Schade, dass dieser Weg nicht möglich ist. Dass es dort bestimmt wunderschön ist, sehe ich im Laufe des Tages.

  (update 25.11.2014: Bitte fragt nicht bei der ADMP, sondern direkt in Amendoeira da Serra nach dem Wasserstand)

  Sollte jemand die Strecke von Mertola durch den Nationalpark über Amendoeira Da Serra, Vale de Russins nach Cabeca Gorda einmal fahren, freue ich mich über eine Nachricht. Angeblich soll es irgendwo westlich der Furt auch eine Brücke über den Rio Terges geben.

 

  Ich bleibe also auf der N122 und fahre bei angenehmen 23° durch die weite Landschaft des Alentejo. Felder und Korkeichen begleiten meinen Weg durch das Land der Großgrundbesitzer. Etwas später wird die N122 zur Autobahn mit eindeutigen Verbotsschildern für Radfahrer. Auf der N391 nach Cabeca Gorda ist es aber auch tausendmal schöner. Die Lieblichkeit der kleinteilig strukturierten Landschaft erstaunt mich. Störche, ein Fluss, Weiden, Rinder und diese schmale Teerstraße über sanfte Hügel erfreuen mein Auge.

Hinter Cabeca Gorda gibt es eine lange Gerade nach Beja. 11,5 km entlang eingezäunter Wein- und Olivenplantagen führen direkt nach Beja, direkt in die bunt überdachte Fußgängerzone, direkt zu einer feinen Chocolaterie, direkt zum Deutsch sprechenden Hotelier. Im Pilgerstress suche ich die Sakristei, wo es einen Stempel geben soll. Ich finde sie nicht. Ein Bauarbeiter führt mich durch verwinkelte Gassen zum Rathaus. Vor der altehrwürdigen Pasteleria Luiz lasse ich den Tag ausklingen, nachdem mich der Fleischspieß in einer verrauchten Kneipe nicht überzeugen konnte.

 

  Nochwas: Ich konnte in einem Vodafone Laden eine SIM-Karte für das Notebook kaufen. 30 Tage mit max. 1,5GB für 14,95 Euro. Ich war damit besser unterwegs, als mit der Auslandsoption von 1&1 oder, später auf der Tour, mit der ALDI Karte. Mittlerweile gibt es von Vodafone auch 4GB Karten für 7 Tage. Ich lerne, was eine APN ist.

 

- Beja . Cuba . Viana do Alentejo

 

  Eigentlich hatte ich mir für heute die 80km nach Evora ausgedacht. Eigentlich sollte ich etwas schneller voran kommen. Ja, eigentlich………………

 

  Ich folge dem Streckenvorschlag von Herrn Hass genau. Aus Beja heraus sind die Sandpisten ganz ausgezeichnet zu fahren. In Sao Matias, ich stoppe gerade, um einen Kaffee zu trinken, knallt der Norweger auf der Landstrasse vorbei. War der nicht gestern erst noch in Serpa? Entweder übersieht er auf der Jagd nach neuen Rekorden mein Winken oder mag mich nicht leiden.

  Jedenfalls ist die Strecke über Sandwege, kleinste Strassen, vorbei an kleinen Dörfern und alten Weilern ein Hochgenuss für mich. In himmlischer Ruhe, abseits des Straßenverkehrs, atme ich die Landschaft förmlich in mich hinein, gehe stückweise zu Fuß und fühle mich eins mit mir, dem Himmel, der Erde und meinem Fahrrad. Das Cafe Central in Cuba bietet herrliche Leckereien, eine kleine Kirche am Wegesrand überrascht mit lauschigem Innenhof und gemeißelten Totenköpfen, eine alte römische Brücke zeigt mir, auf welchem Weg ich mich befinde. Da macht es auch gar nichts, dass ich vor dem fein rausgeputzten Rathaus in Vila Ruiva fast 2 Stunden warte, um einen Stempel zu ergattern. Es soll einer der schönsten Stempel in Portugal sein.

  Völlig entspannt nehme ich mein Credencial mit dem blassestem Stempel on Tour entgegen. Die Tinte war gerade aus.

 

  Hinter der Brücke erreiche ich Água de Peixes. Ich fahre durch ein Gehöft, nein es ist eher ein riesiger Hof mit Viereckverkehr und Stehle, mit Kornspeicher und Baumreihen. Ein wenig unheimlich ist es mir schon, denn Menschen sind hier nicht zu sehen. Hier muss aber jemand wohnen, denn zwei richtig fiese Wachhunde machen einen Höllenlärm, der auch noch in diesem Geviert von den umgebenden Hauswänden verstärkt wird. Die Hunde sind angebunden. Meine Schweißtropfen auf der Stirn sind erträglich. Zum ersten Mal spüre ich sehr deutlich meine Angst, von Hunden angefallen zu werden. Kein angenehmes Gefühl in dieser einsamen Gegend. Im nachhinein lese ich, dass es sich durchaus um eine besuchenswerte Ortschaft handelt.

Es blieb nicht das einzige Mal, dass ich durch meine Angst vor Hunden etwas Sehenswertes verpasst habe. Ich fühle mich dann wie auf der Flucht und bin nicht mehr in der Lage, einen vernünftigen Gedanken zu fassen.

 

  Entlang nicht enden wollender Zäune, über Viehgatter und sandige Wege erreiche ich Viana do Alentejo und betrachte in wartender Weise einen zauberhaften Brunnen. Im Buch steht zur Zimmersuche ein Hinweis," man möge doch bei Senhora Maria de Jesus anrufen, aber erst nach 17:00 Uhr, bis dahin müsse sie arbeiten. Vorher könne man aber im Touristenbüro anrufen, um zu erfahren, unter welcher Matte im Dorf der Schlüssel zum Zimmer mit Balkon und Wäscheleine verborgen sei."

  In diesem Zusammenhang möchte ich mich für diese Informationen, die das ganze Pilgerhandbuch durchziehen, ganz herzlich beim Autor bedanken. Was muss es für ein riesen Aufwand sein, dies alles zu sammeln und ständig dem Reisenden aktuell zur Verfügung zu stellen. Dazu gehört schon eine ganze Menge Herzblut. Dankeschön, Herr Hass

  Im Restaurant an der Rotunde verbringe ich einen besonders herzlichen Abend.

 

  Viana do Alentejo . Valverde . Evora

 

  Mit einem Geschenk im Backroller, einer Träne im Knopfloch und einem handfesten Frühstück verlasse ich diesen gastlichen Ort und tauche endgültig ins Land der Latifundien ein. Etwas abseits der kleinen Teerstraße genehmige ich mir in Sao Bras do Regedouro einen Kaffee und komme mit jungen Portugiesen ins Gespräch. Sie versichern mir glaubhaft, dass die Großgrundbesitzer hier machen können, was sie wollen. Ob es darum geht, Kulturdenkmäler abzureißen, um neues Weideland zu schaffen, ob es darum geht, für den gleichen Zweck Biotope zu zerstören, ist ihnen dabei völlig egal. Die Landarbeiter würden mit Hungerlöhnen abgespeist, damit die Herrschaften selber in Prunk und Protz in ihren alten Herrenhäusern leben können, ohne sich um geltendes Recht zu scheren. Dass in diesem Zusammenhang auch die Gemeindevertretung nichts zu sagen hat, versteht sich von selbst.

 

  Sie fragen mich über meine Reise aus und sind total überrascht, dass jemand mit dem Rad durch Portugal fährt. Ob ich keine Angst vor den Autofahrern hätte. "Ne, überhaupt nicht. Angst habe ich nur vor den Hunden und noch vielmehr vor dem Fuchs. Deshalb bin ich jetzt ohne Zelt unterwegs." Sie lachen herzlich über meinen nächtlichen Fuchskampf und erklären mir, dass im Norden die Fuchspopulation erheblich zugenommen habe und die Hunde nicht wirklich gefährlich seien. Beruhigt hat mich das nicht.

Ich fahre weiter bis zur Abzweigung nach Nossa Senhora da Tourega und denke an den ersten Tag, an dem ich es fast herzlos ablehnte, einem Bauern ein paar Cent zu spendieren.

 

  In der Serra de Monfurado, südwestlich von Evora, gibt es ein ausgeprägtes Netz von Rad- und Wanderwegen. In vielen Bereichen ist die Serra Naturschutzgebiet. Es gibt vielfältige Römerfunde aus alten Bergbautagen.

  Ich biege also von der Teerstraße ab und erreiche durch eine Baumallee eine kleine Kirche am See. 30 Mountainbiker teilen sich mit mir die Aussicht. "Ja klar, den Weg kannst Du problemlos fahren. Wir kommen gerade aus Evora!" Es hatte vorher etwas geregnet, der Weg ist zum Teil recht sandig, zwei aggressive Bestien kommen mir verdächtig nahe, am Wegesrand steht eine alte römische Villa und die richtigen Abzweigungen erahne ich aus den Spuren der groben Stollenreifen.

  Radlerherz, hier findest Du mehr als 13 ausgewaschene Prozent!

 

  Die (ehemalige römische Wasserleitung??) in Valverde sehe ich nur, weil die Wolken hielten, was sie seit einiger Zeit versprachen und ich im Regen der weiteren Ciclovia nach Evora nicht folgen wollte. Dieses Teilstück ist ein Teil der Via Romana, steht unter Denkmalschutz und wurde im Sommer 2014 durch Großgrundbesitzer zerstört. Eine Umleitung gibt es nicht. Die neuen Stacheldrahtzäune sind nicht zu überwinden. Wohlgemerkt, das ist ein offizieller Rad- und Wanderweg.

  Es gibt eine Petition für den Rückbau der Zerstörung, und im Hintergrund finden Kontakte mit Vertretern der Regierung statt. Wahrscheinlich ist das alles den Verantwortlichen noch nicht einmal ein Schulterzucken wert.

  Wahrscheinlich haben sie 1974 bei diesem Liebeslied im Fernsehen auch nicht damit gerechnet, dass die Welt sich schneller drehen kann, als ihnen lieb ist. Nelken haben seit dem 25. April in Portugal eine besondere Bedeutung.

 

  In Evora kurve ich erstmal durch die Befestigungsanlagen und nehme mir für zwei Tage ein Zimmer. Ich bin froh, die Strecke von Beja nicht an einem Tag gefahren zu sein. Ich hätte viel verpasst.

 

- Evora

 

  Das Rathaus hat am Wochenende geschlossen. Die Dame in der Touristeninformation zuckt nur mit der Schulter und zeigt mit dem Zeigefinger auf die weiße Fläche neben der farbigen Portugalkarte. "Santiago? Spanien? Stempel? Wir sind in Portugal. Hier gibt’s keine Stempel für Santiago." Mir war vorher nicht klar, dass die Ressentiments gegen Spanien immer noch einen Platz in Teilen der Bevölkerung haben. Gehe ich also trotzig und ohne Stempel durch die engen Gassen, stecke die Nase in Sachen, die mich nichts angehen und frage mich, warum ich bisher überhaupt keine Pilger gesehen habe. In diesem Punkt bin ich in meinen Erwartungen völlig enttäuscht. Ich hatte mir mehr Austausch gewünscht und beginne förmlich in der Stadt nach Rucksäcken auf zwei Beinen zu suchen. Das Alleinsein macht mir mittlerweile Probleme. Das Alleinsein verdüstert mir sogar den Blick auf die Schönheiten Evoras, die erst bei der Bearbeitung der Photos wieder ans Licht treten. Dazu kommt, dass ich von den 1040km noch 850km vor mir habe. Dass ich keine Ahnung habe, wie ich das alles schaffen soll, macht mich fertig. Ich fange fast panisch an, Tage mit Kilometern und Orten zu verrechnen. Jürgens persönlicher Kopfkino-Stress! Ich weiß sehr genau, dass ich den nur selber abstellen kann. Doch irgendwie gelingt es mir nicht, den Schalter zu finden. Dafür müsste ich im eigenen Dunkel erstmal den Lichtschalter suchen. Doch im Regen sollte man dem Stromkasten doch lieber fernbleiben. Oder?

  Der Tempel zu Ehren der leuchtenden Göttin der Jagd erinnert mich an den ersten Lifestyle-SUV. Er kam ohne Allradantrieb daher und wurde mit allen Wassern gewaschen.

 

  Heute ist Sonntag. Heute betrete ich zum zweiten Mal auf dieser Reise eine Kirche.

  Nein, es ist nicht die Kathedrale, es ist die Igreja de São Francisco. Sie ist schlicht. Sie ist in ihrem Innenraum ehrlich gemauert. Die Besucher des Gottesdienstes singen überzeugt ihre Lieder und hören dem Pfarrer mucksmäuschenstill zu. Ich respektiere das, bin gerührt von dieser Inbrunst, bin aber kein gläubiger katholischer Christ. Ich bekreuzige mich niemals, habe nie den Weg zum katholischen Glauben gesucht. Als Kind wurde ich von meiner katholischen Lehrerin mit dem Stock auf die ausgestreckte Hand geschlagen, wenn ich montags nicht wusste, was der Pfarrer sonntags gepredigt hat. "……….sind so kleine Hände."

Das ist nur ein Beispiel aus meiner Kindheit. Andere Kinder können ganz andere Lieder singen. Beispiele finden sich genug.

  Ich möchte hier nicht die gesamte katholische Kirche verteufeln. Es gibt abertausende, die im Namen der Kirche wirklich Gutes tun. Dabei erinnere ich mich an meinen Besuch eines Paters im Kloster Walberberg bei Köln. Er hatte auf das Pendel seiner Standuhr ein Bild vom Papst geklebt. Auf meine verwunderte Frage nach dem Grund, sagte er mir. "Ich möchte, dass der Papst mit der Zeit geht!" Die Kirche könnte mehr von solchen Patern in ihrer Führungsriege gebrauchen.

  Mittlerweile üben Sakralbauten einen anderen Reiz auf mich aus. Sie sind für mich Sinnbild bzw. Mittel und Zweck zur Verbindung mit den Verstorbenen. Es geschieht fast automatisch, dass ich meine rechte Hand auf mein Herz lege, an Freunde und Familienmitglieder denke, die gegangen sind. In dieser Haltung fühle ich mich ihnen nahe und verbunden. Manchmal zünde ich eine Kerze an oder sitze in Ruhe und bin dankbar, dass es schlicht ausgestattete Kirchen gibt. Die überdekorierten, mögen sie auch noch so prächtig sein, stoßen mich ab, lassen gar nicht zu, dass ich Mitmenschlichkeit fühle.

 

  Die Knochenkapelle hat geschlossen und so brauche ich den Spruch, dass die Knochen nur auf die meinen warten, mir nicht anzutun. "Da müsst ihr noch was warten!" Die São Francisco befindet sich gegenüber vom Stadtmarkt, in dem es viele Angebote gibt, die eine fette Sünde rechtfertigen. Ich bekomme in einem Drei-Tische Restaurant einen Lammeintopf, den ich im Miteinander der versammelten Sonntagskirchgänger verputzen darf. Irgendwie habe ich zumindest den Lichtschalter gefunden. Mich hat dabei nicht der Schlag getroffen. Jetzt muss ich nur noch den eigenen Schalter umlegen.

 

- Evora . Estremoz

 

  Die Stempelstelle an der Kathedrale hat geschlossen. Fahr ich halt ohne Stempel los!

  Über die N18 radle ich fröhlich bis nach Azaruja, um von hier über eine Staubpiste zur Nossa Senhora de Monte do Carmo zu gelangen. Diesem Ort werden unglaubliche Wohltaten nachgesagt und hunderte Votivgaben zeugen von geheilten Beinen, Armen und anderen Körperteilen. Ein idealer Platz für Fahrradfahrer. Nebenan gibt es ein Hotel, das leider bei meinem Besuch geschlossen hatte, heute aber wieder gelobt wird.   Ob die Bewertung vom Juni 2014 stimmig ist, vermag ich nicht zu sagen. Zwei Mitarbeiter erzählen, dass Sie das Hotel Rural wieder eröffnen würden, sind äußerst freundlich, machen mir einen feinen Kaffee und organisieren den Schlüssel für die Kapelle bei einer alten hutzeligen Frau. Die Kleine scheint aber schwerhörig zu sein, brüllt mich kreischend an und fuchtelt immer mit ihren Händen vor meinem Gesicht rum. Echt gruselig. Während ich so die Luft, die Felder mit den Korkeichen und die Crema betrachte, bereiten die Alte und ihre Freundin die Kirche für mich vor, zünden Kerzen an und warten auf mich. Ein schöner Moment, der erst abrupt endet, als die Alte fuchsteufelswild wieder ihre Hände in mein Gesicht schlägt. Sie hat meine Kamera entdeckt.

  Ich frage erst gar nicht mehr nach einem Stempel, sondern mach mich auf, um über wunderschöne Rumpelpfade die N18 wieder zu erreichen.

 

  Ich habe mich selten so gefreut, zwei Reiseradler zu treffen. Die beiden sind traurigerweise nicht in meiner Richtung unterwegs, sondern kommen mir entgegen. Stundenlang erzählen sie von ihrer Reise. Durch abgrundtiefe Schluchten, über nebelverhangene Gipfel in schwindelnden Höhen haben sie sich bis hierher nach Estremoz durch den gesamten Norden Portugals gekämpft. Steilstes und rutschigstes Kopfsteinpflaster haben sie auf spannenden Nebenstraßen gemeistert, ohne dabei sämtliche Kulturdenkmäler zu vernachlässigen. Nein, sie machen überhaupt keinen erschöpften Eindruck, sondern sind lustig, hilfsbereit, freundlich, respektvoll im Miteinander und auch noch herzerfrischend verliebt. Dabei kennen sie sich schon länger. Nach dem Geheimnis ihres Glücks traue ich mich nicht zu fragen. Irgendwann muss ich wohl einen entscheidenden Fehler gemacht haben.

  Zufälligerweise wohnen wir im gleichen Hotel. Auch das Abendessen teilen wir. Schade, dass sich unsere Wege am nächsten Tag wieder trennen werden. Solche Begegnungen könnte ich öfters vertragen, auch wenn ich mit ihrer Leistungsfähigkeit in keinster Weise mithalten kann. Aber das ist ja hier auch nicht das Thema, denn der Weg soll doch das Ziel sein.

 

  Estremoz . Alpalhao

 

  Das Licht brennt. Ich kann den Schalter wieder umlegen und bekomme im Rathaus von Estremoz einen schönen Stempel. Bis Fronteira lasse ich es laufen, entscheide mich gegen den Schlenker über Cabeco de Vide mit seinem Burgberg und den Thermalquellen und nehme nach einer längeren Pause im Cafe die lange Gerade nach Alter do Chao.

  Was sehen meine müden Augen? Pilger. Ja, auf einer Abkürzung treffe ich die ersten Pilger mit Rucksack auf ihrem langen Weg. Ein holländisches Ehepaar zeigt mir das Buch über die Via Lusitana. Wir haben uns lachend einiges zu erzählen. Dass es ein Update der Strecke auf der Verlagsseite gibt, wussten sie nicht. Sie wollten sich das bei nächster Gelegenheit ausdrucken. "Bom Caminho", die Reise geht, vorbei an riesigen Granitblöcken, Feldern und Korkeichen, sehr wellig weiter.

  Auf meinem aufgezeichneten Track sehe ich, dass ich mich in Chao länger aufgehalten habe. Das muss daran gelegen haben, dass die Sonne mir mal wieder die letzten Barthaare verbrannt hat. Egal, ich möchte weiter und überlege an der nächsten Autobahnauffahrt, ob ich nicht vielleicht doch……oder besser nicht....………. weil, da fährt doch keiner.

  Ich lass es sein und schiebe mein Rad, nicht zum ersten- und wahrlich nicht zum letzten Mal, die Buckel hoch. Zur Belohnung entdecke ich einen wunderbaren Bahnhof unterhalb von Crato und genieße den Blick von oben herab auf die weite Ebene Richtung Alpalhao. Telefonisch buche ich mir ein Zimmer in einer Quinta kurz vor Alpalhao.

  "50,- Euro mit Frühstück. 45,- Euro ohne Frühstück. Ach, Sie sind im Auftrag des Herrn unterwegs nach Santiago und haben das Buch über die Lusitana dabei? Also machen wir ausnahmsweise…… …. ohne Frühstück."

 

  Keine Sorge, ich beschreibe jetzt nicht jedes Hotel. Doch diese Quinta hat ein paar Zeilen extra verdient.

Ich rolle also auf den Platz vor zwei sauber renovierten Scheunen. Meine müden Beine zieht es magisch zu einer schaukelnden, weiß lackierten Bank, die an einer knorrigen Eiche hängt. Da machst Du nichts dagegen. Da musst Du dich einfach hinsetzen und schaukeln. "Hi, You wanna get a beer?" ist das erste, was ich höre. Musik in meinen Ohren. Ich erfahre, dass er der Pächter der Quinta ist und zusammen mit seiner Frau alles selber herstellt. Wein, Grappa, Oliven, Käse und überbackenes Hühnchen mit Obstsalat. Zur Olivenernte kommen hier ca. 100 Personen aus aller Welt zusammen, um gemeinsam zu arbeiten, zu essen, zu trinken und zu leben.

  Ich beziehe mein Wohnzimmer mit Kamin, das Schlafzimmer mit zwei wundervoll dekorierten Betten und ein Bad, das von mir sein könnte. Ein Rundgang durch die Quinta entzückt mein Herz, und ich lande irgendwann wieder auf der Schaukel. Ungefragt fliegen Oliven mit Wein und Erdbeere zu mir. Der Tisch wird gedeckt. Die selber erzeugten Leckereien lassen mich an Florenz, Montalcino oder Siena denken. Was für ein schöner Tagesabschluss bei beeindruckendem Sonnenuntergang nach 5 Wanderetappen.

 

  Alpalhao . Nisa . Vila Velha de Ródão

 

  Selten habe ich so gut geschlafen. In diese Quinta komme ich zurück, selbst wenn der Spezialpreis Geschichte sein dürfte. Ein anderes Highlight wartet auf mich. Nach einem kleinen Frühstück in Alpalhao sehe ich am Wegesrand das erste Mal die gelbe Muschel auf blauem Grund. Den empfohlenen Schlenker über eine Sandpiste, die sowieso nach 3km und mehreren Stacheldrahttoren wieder auf die N18 zurückführt, ignoriere ich bei leichtem Nieselregen und fahre direkt nach Nisa, während sich die letzten Wolken verziehen und wieder eitel Sonnenschein herrscht.

  Zwei Radler auf dem Weg nach Lissabon wollen weiter auf die Azoren. Wir studieren gemeinsam portugiesische Landkarten, trinken Kaffee, erzählen Radlerlatein und freuen uns darüber, dass wir Reiseradler sind. Hätte mir jemand gesagt, dass sie die letzten seien, die ich bis Ourense treffen würde, hätte ich es nicht für möglich gehalten.

  Frohen Mutes stürze ich mich hinter Nisa von der N18 auf die schmale M526 hinunter ins Tal zum Ribeira de Nisa, quatsche mit einem spanischen Pilger auf dem Weg nach Santiago ein paar Worte und tauche ein in eine fast musikalische Landschaft facettenreicher Grün- und Gelbtöne. Hinunter zum Fluss gleite ich langsam durch dichten Wald, quere eine, im dunklen Grün versteckte Römerbrücke und schwinge mich hoch zu gelben Feldern vor einem leuchtend weißen Dorf. Hinter Sao Simao soll es einen phantastischen Weg hinunter zum Rio Tejo geben, "den ich unbedingt fahren müsse. Der Blick auf den Tejo und der Weg am Flussufer sei dort unvergleichlich schön"

 

  Es gibt vom Conrad Stein Verlag eine Beschreibung darüber, welche Etappen mit dem Mountainbike fahrbar sind und von welchen man besser die Pedale lässt und, wenn überhaupt, besser nur zu Fuß geht, um dann wieder zum Ausgangspunkt zurückzukehren. Ich lese genau das über die nächsten Kilometer, so kurz vor Sao Simao im Schatten eines Olivenbaums auf meiner Bastmatte, schaue hoch zum Dorf, lese ergänzend im Pilgerhandbuch was von sehr steilen Wegen und bin der Meinung, dass meine Reise auf der M526 nun zu Ende sein soll. Die nächste Kreuzung schenkt mir die M526-1 über Vinagra zur N18. Ich nehme das Geschenk dankend an, fluche wie ein Rohrspatz über diese Steigung und saufe 2 Liter Wasser am Stück, als ich wieder die N18 erreiche. Es geht noch ein paar Meter bergauf, bis ich runter zum Tejo rollen kann. Dabei schaue ich immer wieder nach rechts, ob ich irgendwo diesen Weg erkennen kann. Ich sehe ihn,   photographiere roten Sand unter roten Steinen und bin so was von froh, grauen Asphalt unter den Reifen zu haben, dass ich nur noch, in mittlerweile brütender Hitze, den Wunsch verspüre, mich, irgendwo mit Blick auf den Tejo, einzuquartieren. Es ist mir sogar zu heiß, um noch einen Abstecher zur Geierkolonie zu machen.

Durch die gestrigen Verhandlungen ermutigt, handle ich heute im Estalagem Portas de Rodão den Preis von 49,- auf 35,- Euro mit meinem Pilgerpass herunter und bekomme noch eine üppige   Brot-Tomaten-Käse-Schinken-Wurst-Oliven-und-sonstwas-Platte für 10,- Euro mit Wein obendrauf, wobei ich die Crema Catalana und ein Superfrühstück nicht unerwähnt lassen möchte.

 

- Vila Velha de Ródão . Castelo Branco . Alcains

 

  Wehmütig verlasse ich den herrlichen Alentejo, während der erste Anstieg in der Region Beira Baixa schneller kommt, als erwartet. Ich erinnere mich nur wenig bis gar nicht an die Strecke nach Castelo Branco. Ich weiß heute nur noch, dass es erbärmlich heiß war. In meinem Tagebuch steht: " Die Fahrt über Perais, Vale de Pousadas, Alfrivida und Cebolais de Cima spare ich mir. Seit heute ist die N18 mein Freund und wird es bleiben. Ich hab Magenschmerzen, schwitze bei 30° wie Lumpi und friere im Schatten der Bäume. Ich weiß nicht, was los ist, trinke noch mehr Wasser als gewöhnlich, und kurzfristige 8-10% lassen mein Hirn platzen."

  Nach einer längeren Pause mit vielen Schokoriegeln an irgendeiner Tanke geht es besser. Am großen Kreisel vor Castelo Branco verschlinge ich eine heftige Portion Zuckerwassermenu im Restaurant mit dem gelben M. Manchmal brauche ich es. Manchmal liebe ich es! Eine Mollige am Nebentisch reserviert mir telefonisch ein Zimmer in Alcains, und ich verzichte auf die Stadtbesichtigung von Castelo Branco. Stattdessen finde ich einen Decathlon mit der besten Schirmkappe der Welt, plündere beim LIDL die kalten Joghurtdrinks und verschiebe die Stempelrallye auf später.

  "Dass der Pilger doch bitte für jeden Tag zwei Stempel vorweisen soll, erfahre ich erst bei der Stempelbeglaubigungsbehörde in Santiago."

 

Alcains überrascht mich mit einem schnellen Stempel, einem netten Friedhof, einer der besseren Hähnchenbratereien und zwei völlig kommunikationsfreien Pilgern auf der Via Lusitana. Da triffst Du mal welche, und dann sind ihnen wenige freundliche Worte schon zu viel. Die beiden waren übrigens die letzten Pilger, die ich gesehen habe. Sie gehen grußlos, während ich diese Zeilen schreibe.

 

- Alcains . Alpedrinha . Fundao . Covilha

 

  Ich ärgere mich über mich selber. Gestern habe ich erst den Weg über Alfrivida geschlabbert, dann Castela Branco vermieden und heute geht’s wieder genauso los. Hinter Alcains schlabbere ich Lardosa. Doch den Barragem de Santa Agueda lasse ich mir nicht entgehen und nehme glücklicherweise den traumhaften Weg über Soalheira, um von dort wieder zur N18 zu gelangen. In Saolheira hängt im Cafe ein altes Original-Plakat von John Lennon. Die passende Musik lässt mich von zu Hause, dem bequemen Sofa und den schwarzen Scheiben unter dem Plattenspieler träumen. Klick

 

  Was haben Herr Hass und ich darüber nachgedacht, welche Strecke am schönsten, am steilsten, am unmöglichsten sein könnte, um weiter nach Fundao zu kommen. Wenn ich aber hier in Soalheira die Strassen anschaue, die links nach Sao Fiel hoch gehen, dann bekomme ich bei 36° am späten Morgen weiche Knie und fahre erst mal nach Alpedrinha. Auf Google Earth sieht die Welt doch um einiges flacher aus. Der Anstieg in die Serra da Gardunha ist auch auf der N18 anstrengend genug. Der Ausblick auf die Estrela ist wunderschön. Etwas Schnee liegt noch auf dem Gipfel.

 

  Vom Bergrücken geht’s runter nach Fundao durch das Tal der Kirschen. War es oben noch relativ angenehm, habe ich jetzt das Gefühl, mit Karacho in die Subtropen zu fahren. Es war nicht nur heiß, es gesellte sich eine Luftfeuchtigkeit von gefühlten 90% dazu. Auf der herrlichen Abfahrt schaue ich immer mal wieder nach oben-links hinauf. Von da oben, von Ancongosta, wollte ich eigentlich runterkommen. Was für eine dämliche Idee von mir.

  Fundao gefällt mir nicht. Ich buche telefonisch ein Zimmer in Covilha. Ich mache damit einen entscheidenden Fehler.

  Hinter Fundao geht’s nämlich nicht mehr abwärts sondern hoch. Nicht viel, aber genug, dass ich das Gefühl bekomme, ich ersticke. Von Radfahren oder Radschieben kann schon gar keine Rede mehr sein. Ich quäle mich förmlich Schritt für Schritt von 418m auf 480m (gps Aufzeichnung) hoch, halte mich am Lenker fest, um nicht umzukippen. Ich könnte kotzen und finde etwas Schatten an einer Hauswand. Es sind 41° im Schatten. Mir ist zum Heulen zumute. Es sollte noch schlimmer kommen. Covilha liegt nochmal 300 Meter höher, und ich muss erst noch 50m runter. Nicht ein einziges Photo hab ich gemacht. Irgendwann plündere ich vor Covilha mit Tränen in den Augen den zweiten LIDL des Tages und frage mich, ob ich die Erfüllung auf dem Jakobsweg an dem Masz der Leiden messen muss, die ich alleine aushalten will und kann. John Lennon textete dazu sinngemäß, dass Gott nur ein Konzept sei, an dem wir unsere Schmerzen messen. John Lennon . God

  Kurz vor dem Altstadtkern sehe ich einen gläsernen EU-Aufzug, steige ein und fühle mich wie auf dem Weg zum Schafott. Führen wenigstens die kommenden Etappen ins geschlossene Paradies?

 

- Covilha

 

  Nachdem ich ein prima Zimmer bekommen habe,bleibe ich erstmal auf dem Bett liegen. Navi und Tacho zeigen fast gleiche Werte an. 58km und 900hm. Insgesamt habe ich 6 Liter Flüssigkeit zu mir genommen. Immer noch zuwenig? Ich weiß es nicht.

  "Ich breche die Reise ab. Jetzt und hier ist Schluss. Nein, diese Hitze ist nicht mehr lustig und der Stempel ist mir so was von egal."

 

  Nach einer Dusche geht es mir etwas besser. Ich versuche ein Restaurant zu finden, zu dem ich keine 10 Meter laufen muss. Direkt hinter dem Hotel werde ich fündig, spaziere doch noch etwas durch die Gassen und fühle mich völlig deplaziert, während am Freitagabend bei den Portugiesen das Wochenende mit Musik und Tanz eingeläutet wird. "Evora is back. Der Schalter. Welcher Schalter?"

  In der Nacht schlafe ich schlecht, habe Kopfschmerzen, komme nicht zur Ruhe und habe überhaupt keinen Plan, wie ich auch nur den nächsten Tag überstehen soll. Nach dem Frühstück verlängere ich im Hotel und überlege, was ich tun kann. Der Wetterbericht zeigt mir strahlende Sonnen. Der Tacho, den ich zur Kontrolle wie ein Fieberthermometer auf den Balkon gelegt habe, zeigt 61°. BaseCamp findet nur hochprozentige Alternativen.

  Ich denke an die Strecken, die ich auf der Lusitana schon verpasst habe und merke, dass ich nur noch weiterkomme, wenn ich abseits der eigentlichen Route über die großen Nationalstraßen ausweiche. Das kann nicht Sinn und Zweck der Reise sein. Dazu kommt, dass ich mich sehr alleine fühle und keiner da ist, der mich aufmuntern könnte. Meine Kräfte und Fähigkeiten, mich selber zu motivieren, sind aufgebraucht. Andererseits fühle ich mich an mein Versprechen, dass ich Herrn Hass gegeben habe, gebunden und möchte ihn nicht mit einem kommentarlosen Abbruch der Tour enttäuschen. Dafür hat er sich zuviel Mühe mit mir gegeben.

  Ich rufe ihn an, als er irgendwo in der Peneda Geres bei 13° vorm wärmendem Kamin sitzt.

 

  "Fahren Sie, auch wenn's weh tut, nach Guarda. Von dort kommen Sie gut mit dem Zug überall hin." In Wirklichkeit haben wir mehr miteinander geredet, aber das war die Quintessenz unserer Gespräche. Mit dem Versprechen, den weiteren Weg nach Santiago im nächsten Jahr fortzusetzen, gehe ich noch mal ins gleiche Restaurant und schlafe etwas besser.

 

- Covilha . Guarda

 

  Ich bin im nachhinein ganz froh, dass mich Herr Hass nicht darüber informiert hat, dass man auch von Covilha gut mit dem Regionalzug nach Lissabon kommt. Wahrscheinlich hätte ich diesen genommen. Sicherlich wollte er nur mein Bestes, wollte mir noch etwas Zeit geben, in der ich meine Entscheidung überdenken konnte.

  Ich will es noch einmal versuchen und bleibe auf der N18, die stetig, mit einem zusätzlichen Zwischenanstieg, zur höchsten Stadt Portugals hinaufführt. Dabei schaue ich zunächst nach rechts. Dort liegt Belmonte. Doch nach den letzten Tagen ist mir die Lust auf hoch oben liegende Burganlagen vergangen. Der östliche Bergrücken der Serra Estrella auf der linken Seite sieht verlockend aus, doch ich traue mir diese kurzen und äußerst steilen Anstiege nicht mehr zu. Auf der N18 kann ich wenigstens Fahrrad fahren. Ja, auch wenn's weh tut.

  Ein paar Rennradfahrer machen mit mir Pause. Sie sind wirklich erstaunt, dass ich mit meinem Packesel überhaupt bis hierher gekommen bin. Als ich ihnen sage, dass ich nach Santiago möchte und welche Orte noch dazwischen liegen, nicken sie zwar, neigen aber nur sehr langsam ihre Häupter. Verstehen können sie die Idee bei diesen Temperaturen und der kommenden Topographie jedoch überhaupt nicht. Na prima!

Etwas motivierter und ohne Schiebepassagen erreiche ich Santa Cruz zum Mittagessen. Beim anschließenden Weg in die Stadt, gehe ich die letzten der heutigen 750hm zu Fuß. Es waren nur 43km bei 3,5 Stunden Fahrzeit. Nicht ganz so schlecht Herr Specht. Es waren heute ja auch erträgliche 36°.

 

. Guarda

 

  Das empfohlene Hotel ist wirklich prima, die Friseurin kann Barthaare schneiden, Guarda ist ganz nett, und es kühlt ab.

 

  Egal wie ich es drehe und wende……

……….ich fühle ich mich nach 1030 km und mehr als 12.000 hm an 20 Fahrtagen von Lissabon nach Guarda ausgelaugt.

……….ich fühle mich einsam, und mir fehlt die Kraft, mich selber zu motivieren.

……….bis Santiago sind es noch ca. 500km und mindestens 11.000 hm.

……….die kommende Strecke ist gespickt mit Anstiegen weit über 10%

……….wir haben Sommer. Auch wenn es gerade bedeckt ist, werden die heutigen Temperaturen nicht von Dauer sein. Hitzeschlachten bei >40° sind für mich in den Bergen nicht erträglich.

 

  Wenn ich meine Aufzeichnungen im Tagebuch betrachte, komme ich zu dem Schluss, dass ich meine alten persönlichen Grenzen doch sehr erweitert habe. Das ist gut. Das ist jetzt aber auch gut genug.

Viel wichtiger ist und bleibt, dass ich mir die Lust am Radfahren erhalte und mit Zuversicht, Freude und wirklich offenen Sinnen die Schönheiten der Via Lusitana erfahren und erleben kann.

 

. Rückfahrt nach Lissabon

 

  Die letzte Postkarte ist geschrieben. Der letzte Stempel ist gestempelt.

 

  Ich stehe im Bahnhof von Guarda und erfahre erstmalig, dass nicht alle Züge Fahrräder mitnehmen. Meiner geht erst in drei Stunden. Genug Zeit, um mal wieder das Pouso Dos Anjos in Lissabon zu reservieren, einen Flug nach Düsseldorf zu buchen und mich über die unglaubliche Freundlichkeit der Dame am Schalter zu freuen.

  "Sie müssen in Coimbra und Entroncamento umsteigen. Die Fahrkarten lösen Sie bitte beim Schaffner. Das Fahrrad braucht nicht extra reserviert werden. Hier habe ich den Streckenplan für Sie ausgedruckt, und hier sind die Verbindungen für morgen, falls Sie in Coimbra übernachten möchten. Coimbra ist eine wunderschöne Stadt. Gute Reise, der Zug steht dann auf Gleis 1"

  Ja Halleluja, was soll bei soviel Unkompliziertheit noch schiefgehen?

  Die Gleise in Coimbra und Entroncamento sind per pedes zu überqueren. Ampeln regeln den Fußgängerstrom. Der Blick aus dem Zugfenster zeigt mir die grünen Hügel mit den endlos sich windenden Asphaltbändern, die mich im nächsten Jahr erwarten. Es soll im Herbst sein, wenn ich wiederkomme.

  "Dann ist es nicht mehr so heiß. Dann sind bestimmt mehr Pilger unterwegs. Dann bin ich besser vorbereitet. Dann habe ich mehr Kilometer in den Oberschenkeln."

 

  In Lissabon fühle ich mich wieder gut, obwohl ich dieses Gefühl von ".......ach hättste, wennste, könnste......." nicht so leicht abschütteln kann.

 

  Flughafen Lissabon 05:45 Uhr:

  "Sie müssen das Rad verpacken. Sie müssen die Luft aus den Reifen lassen. Sie müssen das Vorderrad ausbauen. Sie müssen das Vorderrad ans Hinterrad binden und dann in Folie wickeln!"

Ich halte der Dame am Schalter die Gepäckbestimmungen der TAP vor die Nase. Gemeinsam mit ihrem Vorgesetzten scheint die Situation geklärt. Dass der Scanner zu schmal ist für ein Fahrrad, das den Gepäckbestimmungen der TAP entspricht, konnte ich mir bis heute nicht vorstellen. Kann es sein, dass ich den Flug verpasse? Ich bekomme die Krise, doch Hilfe naht. Ein Mitarbeiter der TAP und der Verantwortliche der Security helfen mir, das Rad mit Hilfe einer Plastikbox diagonal durch den Scanner zu bringen. Dass ich anschließend das Rad selber in den abgesperrten Sicherheitsbereich rollen darf, erfreut mich sehr.

Dass das alles nicht selbstverständlich ist, soll ich erst im nächsten Jahr erfahren.

 

  Damit beende ich die Berichterstattung über den südlichen Teil der Via Lusitana. Über die Fahrt nach Santiago berichte ich hier in der Fortsetzung.

 

  Danke fürs Lesen. Jürgen

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  Via Lusitana.....tausend & vierzig nach Santiago, Teil II (September 2014)

  Lapa . Lamego . Vila Real . Cabeceiras de Basto . Tourem . Ourense . Santiago

 

  http://www.rad-forum.de/topics/1079756

 

  In diesem Jahr hatte ich eigentlich genug auf der Pfanne, um den zweiten Teil der Strecke nach Santiago zu fahren und die Via Lusitana bis Santiago zu erkunden. Doch es kam anders. In diesem Zusammenhang möchte auf meine zweite Anfahrt zur Via Lusitana verweisen. Portugiesische Reisen...............die zweite (Reiseberichte)

 

  Es kommen mehr Busse, es kommen immer mehr Gäste. Ich stelle mein Rad vor die Kirche, gehe ins Office und erfahre, dass ich im Kloster schlafen kann. Auf mein Zimmer muss ich noch drei Stunden warten. So habe ich genügend Zeit, mir das Treiben hunderter Wallfahrer anzuschauen. Ich erkunde das völlig überfüllte Dorf, mische mich unter die Gäste, halte hier und dort ein Schwätzchen und wundere mich, warum sich in der Kirche eine Schlange bildet. Neugierig, wie ich manchmal bin, stelle ich mich an. Nach Ewigkeiten bin ich hinter der geretteten Madonna, an der Engstelle zwischen zwei Felsen, angekommen. Ein Moppel wird von seiner Liebsten seitlich mit viel Kraft durchgepresst. Sie selber drückt sich hinterher und landet zwei Sekunden später mit spitzen Schreien auf einer Mulde im Felsen. Ich schaue völlig verdattert, möchte ihr helfen und schaue doch nur in glückliche Augen.

 

  Am Abend wird es sehr ruhig im Dorf. Scheinbar bin ich der einzige Fremde in Lapa. Ich schlendere noch etwas durch die wenigen Häuser und bekomme im Dorfcafe wunderbaren Wein, Brot, Schinken und Käse aus der Region. Die Nacht im Kloster wird untermalt von rauschendem Regen. Ich schlafe gut in meiner ersten Herberge, schließe Freundschaft mit den beiden Hofhunden und bekomme meinen Stempel im Klosterladen von den herzlichsten aller Schwestern.

 

- Lapa . Moimenta da Beira

 

  Frühstück am Kreisverkehr. Ich tausche nach 600 Metern meine durchnässte Regenjacke gegen Mamas Regenponcho. Der ist wenigstens dicht! Bei 11° fahre ich durch die Wolken Richtung Vila Cha über die kleine M584 und sehe so gut wie nichts. Ein kleiner Zwischenanstieg hinter Vila Cha bremst mich ab und von hinten links kommt schon wieder so eine zähnefletschende Bestie angerast. Ich brülle in den Regen, hebe meine linke Hand und fuchtele in der Luft rum. Mein Vorsprung beträgt noch 20 gefühlte Zentimeter, während mir fast die Luft wegbleibt. Aus den Augenwinkel sehe ich den Bauern und höre, wie er den Köter zurückpfeift. Leute, das ist nicht mehr lustig. Ich zittere am ganzen Körper und möchte am liebsten alles hinschmeißen. Auf dem Rad fühle ich mich hilflos. Ich habe keinen Stock zum Schlagen oder Drohen, keine Steine zum Werfen dabei.

  Im nächsten Dorf finde ich Unterschlupf an einer Bushaltestelle und beruhige mich wieder. Die Strasse führt ab jetzt den Berg runter nach Moimenta da Beira. Bergab geht’s mir trotz strömendem Regen gut. Da bin ich schnell genug.

Ich besorge mir einen Stempel im mondänen Rathaus. Santiago de Compostela scheint mir unerreichbar weit entfernt zu sein. Für heute habe ich jedenfalls die Nase voll. Ein Freund sagte mir mal: "Santiago? Wer braucht schon Santiago!"

 

  In einem Cafe erzählt mir der Besitzer, dass er lange in St. Moritz gearbeitet hat, aber zurück zu seinen Freunden, seiner Heimat und seiner Familie wollte. Auf meine Frage nach den verkommenden Eindruck, den so viele Städte machen, erklärt er mir, dass viele Rentner mir 50,- oder 100,- Euro Rente in den Häusern zur Miete wohnen. Sie seien unkündbar, die Mieten dürfen nur in winzigen Schritten angehoben werden, und die Hausbesitzer haben deshalb auch kein Geld, ihre Häuser zu modernisieren. Mittlerweile habe die Regierung aber Gesetze auf den Weg gebracht, die die Situation mit einer Art Wohngeld entschärfen soll. Manche Gemeinden würden auch die Häuser kaufen und, je nach finanziellen Mitteln, diese langsam renovieren. Dabei müssten viele Gemeinden eigentlich Kohle im Überfluss haben. Beispiel: Der Antrag für eine Kläranlage wird bei der EU in Brüssel eingereicht. 35 Millionen Euro werden bewilligt. 35 Millionen Euro werden abgerechnet. Die Kläranlage für ein Dorf kostet aber nur ca. zwei Millionen. Frage: "Wo ist der Rest?"

 

- Moimenta da Beira . Lamego

 

  Nach meiner intensiven Erfahrung mit dem Hund habe ich Angst, mich durch kleine Dörfer, vorbei an einzelnen Gehöften über winzige Strassen zu bewegen. So lasse ich hinter Leomil die Dörfer Cimbres, Salzedas, Queimadela, Figueira und Cantudo rechts liegen. Der Regen lässt auch langsam nach, und so bleibe ich auf der N220. Die Aussicht nach rechts auf die genannten Dörfer ist wunderbar. Das Radfahren auf der N220 ebenfalls!

Kurz vor Lamego erwischt mich wieder eine portugiesische Wasserwand. Ich verfahre mich in den verwinkelten Gassen und erreiche mein preiswertes Hotel über eine dieser musikalischen Kopfsteinpflaster-Rampen, die Du, auch abwärts, besser neben dem Rad bewältigst.

 

  Lamego. Was habe ich nicht alles über diese schöne Stadt gelesen. In den Gassen um die Kathedrale gibt es keine kleinen Läden mehr. Die werden jetzt als Parkplatz für schöne Autos benutzt.

Die Türen der Häuser sind vernagelt. Im gelobten Restaurant kannst Du keine Tomaten fürs Omelette zusätzlich bestellen. Ich teste mein Knie und laufe die 680 Stufen hoch zur Kirche Nossa Senhora dos Remédios, die mich mit einem schönen Blick auf die Hügel hinterm Douro erfreut. In einer wunderbaren Tapas Bar beende ich den Tag.

 

  Pilgergefühle? Wenn ich ganz ehrlich zu mir bin, dann muss ich die Frage danach verneinen. Ich möchte Portugal kennen lernen und das Land besser verstehen können. Ja, ich möchte auch nach Santiago, möchte einmal auf diesem Platz vor der Kathedrale liegen, mich mit den Menschen über ihren Weg austauschen, Heldengeschichten hören und erzählen. Liebend gerne trinke ich am Abend zwei Gläser Wein in Gesellschaft.

 

- Lamego . Peso da Regua . Vila Real

 

  Mit dem Stempel im Gepäck, mit der Hoffnung auf die phantastische Landschaft am Douro im Kopf semmel ich die N226-1 den Berg runter und vernichte meine mühsam erkämpften Höhenmeter in einem Rutsch hinunter ins Tal der Monokulturen.

  Nein, es ist wirklich schön hier, und so langsam verstehe ich die beiden Reiseradler aus Viseu, die sich hier die Berge bis zur Erschöpfung hoch gequält haben. In deren Richtung möchte ich das nicht machen müssen.

Doch der Douro hat ja zwei Ufer.............

  ........... und drei Brücken. Die Autobahn hoch oben zeigt mir den weiteren Weg. Unter der N2 campen die Wohnmobilisten. Die Ponte Metalica führt mich aufs andere Ufer nach Peso da Regua.

 

  Wenn ich gewusst hätte, was bis Santiago noch auf mich zukommt, wäre ich am Douro links ab gefahren und hätte mir in Porto einen faulen Lenz gemacht. Doch ich will nach Norden und habe viel Zeit mit der Frage verbracht, wie ich am besten weiter komme. Von Regua nach Vila Real gab es eine Schmalspurbahn, die Linha do Corgo, die durch die Weinberge hoch nach Vila Real fuhr. Es war der Tipp in jedem Reiseführer. Heute ist die Bahntrasse ein wunderschöner Wanderweg durch ein traumhaftes Tal inmitten tausender Weinterrassen. Hier ein Bericht portugiesischer Mountainbiker. Herr Hass und ich fanden drei Möglichkeiten, mit dem Rad auf das ehemalige Gleisbett zu gelangen.

 

  Die erste Möglichkeit ist nur für schwindelfreie Personen möglich und mit einem Reiserad kaum zu bewältigen. Auch ist der nachfolgende Weg nicht mit dem Vennbahnradweg zu vergleichen. Ich schraube mich also langsam die N313 hoch und finde das gar nicht so übel. Der Ausblick begeistert mich. Die irrsinnige Konstruktion der A24 überrascht mich schon gar nicht mehr. Jose Saramago schreibt sinngemäß, "...dass es für jeden ein schwerwiegendes Vergehen sei, diese Straße nicht entlang zu fahren. Das Tal sei eine Sinfonie, eine Oper, ein Gemälde, das niemand hätte malen können." Recht hat er!

 

  Hinter Alvacoes führt die M598 weiter über die Hügel, die Bahntrasse macht am zweiten möglichen Einstieg nach den letzten Regenfällen immer noch keinen vertrauenerweckenden Eindruck auf mich. So folge ich der kleinen Asphaltstrasse mit ihren 10% im herrlichen Sonnenschein. Dass ich gelegentlich schiebe, versteht sich von selbst. Die beiden Dörfer Provocao und Ermida liegen tief unter mir auf der linken Seite der Straße. Auf der rechten Seite sind die Häuser steil in den Hang gebaut. Die Terrassen der Höfe befinden sich ca. 6 Meter über meinem Kopf. Hofhunde bewachen das Gelände. Nein, keiner läuft frei herum. Aber irgendwann entwickelt sich die rechte Seite zu einem einzigen kläffenden 3000 Watt Lautsprecher. Scheinbar geben die Hunde untereinander die Ankunft von zwei strammen Waden als Freudennachricht von Hof zu Hof weiter. Mir sträuben sich die Haare, und ich entscheide mich gegen die weit unten liegende Bahntrasse, obwohl sie mittlerweile einen ausgezeichneten Eindruck auf mich macht. Hier oben sind die Hunde wenigsten eingesperrt.

 

  Der Anstieg wird hinter Penelas zur Tortur. Mein linkes Knie tut weh, ich steige ab und schiebe. Irgendwann meldet sich schmerzhaft die rechte Hüfte mit einem Stechen bis in die Wade. Das ist kein Wunder, schließlich sind Ausgleichshaltungen und unbewusste Schonhaltungen die logische Konsequenz meines Handelns. Sicherlich sind auch meine Brustwirbel völlig verdreht. Die Frage, wo es mir gut geht, woher ich noch Kraft ziehen könnte, ist schnell beantwortet. Ich habe keine Zahnschmerzen und meiner Prostata geht’s auch gut. Also kneife ich den Hintern zusammen, beiße auf die Zähne und stampfe nach Santiago.

Zur nächsten Kneipe sollen es nach dem Navi noch knapp zwei Kilometer sein. Ich sehe einen blauen Daimler aus dem Main-Taunus-Kreis mit H-Kennzeichen. Pause. Weinanbaugequatsche. Der freundliche Hesse zeigt mir einen versteckten Brunnen inmitten seiner Reben. Ich erreiche glücklich Sabroso mit seinen beiden Cafes und einem dieser herrlichen Dorfläden. Die Abfahrt nach Vila Real führt mich zum alten Bahnhof, dem Ende der Bahntrasse. Ich denke an die Hunde, an die zusätzlichen Höhenmeter, halte meine getroffene Entscheidung für klug und wasche im Hotel erstmal Buff und Handschuhe.

 

  Nach Lamego erstaunt mich Vila Real doch sehr. Geschäftiges Treiben in der Fußgängerzone, ein schneller Stempel, nette Cafes, Hinweisschilder auf den Caminho, ein super Ausblick auf die A24 und das beste Kalbskotelett meines Lebens in der Churrasqueria Lopes lassen mich zu der Überzeugung kommen, dass ich mir diese Quälerei nur noch dann antue, wenn ich aus ihr unbeschadet heraus komme.

Derweil trocknet die Forums-Wäsche in lauer Nacht. Vila Real ist wirklich klasse.

 

- Vila Real . Serra do Alvao . Moimento da Beira . Cabeceiras de Basto

 

  Ich könnte hier schreiben, dass mir alles weh tut, dass ich Magenschmerzen habe, Zahnweh bekomme, die Rohloff quietscht oder die Bremse klemmt. Nix habe ich. Mir geht's prima und das Terra ist völlig in Ordnung! Die Durchschnittssteigung von 10% hoch in die Serra do Alvao ist mir wurscht. Die kommende 20%-Rampe hinter Borbela juckt mich in keinster Weise. Nach ein paar Dehnübungen und dem mehr als ausreichenden Frühstück im Residential Real begebe ich mich in das nette Cafe neben der Touristeninfo und trinke in aller Ruhe noch einen doppelten Espresso.

  Nein! Ich habe keine rosa Pillen gelutscht. Ich springe erstmalig über meinen Schatten.

 

  Mitarbeiter Touristeninfo: "Was wollen Sie? Ein Taxi? Ein Taxi, wo dieses Fahrrad reinpasst? Einen Kombi? Kombis als Taxen gibt es hier nicht!"

  Am Taxistand schütteln sie angesichts des Rades zunächst mit dem Kopf, bis ich mit dem Finger auf einen Kombi zeigen kann. Jetzt haben sie mich verstanden! Drei Minuten später bin ich in Form eines großen Octavias erlöst. Bei der Fahrt in die Berge habe ich in keinster Weise ein schlechtes Gewissen. Der Taxifahrer muss gelegentlich in den ersten Gang schalten.

  "Pilgern light" soll mir in Anbetracht eines Systemgewichts von 140 Kg auch recht sein.

 

  Leider habe ich bei Lamas De Olo den Fehler gemacht, das Taxi nicht am See anzuhalten. Da habe ich was sehr schönes verpasst! Der Taxifahrer stoppt erst an der höchsten Stelle. Doch die Fahrt von hier nach Mondim de Basto werde ich niemals vergessen. Was ist das für eine grandiose Strecke über die M1200 und M1191-1. Dafür hat sich das ganze Prozedere schon gelohnt. Ich bin endgültig "hinter den Bergen" angekommen.

  Sollte mal jemand dort unterwegs sein, möchte ich ihm die Pension Cafe Lopes in Bilho mit grandiosem Blick empfehlen. Hundefrei. Selbstverständlich.

 

  Auch wenn Mondim de Basto durchaus einen längeren Stopp wert ist, fahre ich weiter. Mich erwartet die letzte Bahntrasse der Tour. Sie führt nach Arco de Baúlhe. Der Einstieg ist irgendwo hinter der Brücke über den Rio Tamega. Ich bin ungeduldig und nehme die Abkürzung zur Trasse. Tja, hier musste ich das erste Mal abpacken. Egal. Die Ecopista Linha do Tâmega ist ein Traum in orange. Sie beginnt weiter südlich in Amarante und endet an einem vorzüglich renovierten Bahnhof in Arco de Baúlhe. Ich mache eine längere Pause. Oft gibt es in Portugal öffentliche Toiletten, die in sehr guten Zustand sind. Diese hier ist wirklich perfekt.

 

  In Cabeceiras de Basto erwartet mich ein ungemachtes Zimmer und eine SMS von der Sorte, die ich heute überhaupt nicht lesen mag.

"Wenn Sie schon in Cabeceiras sein sollten, dann fahren Sie doch mit dem Bus nach Guimaraes, zur Wiege Portugals. Machen Sie dort Pause. Es gibt viel zu sehen. Schwere Gewitter ziehen übermorgen durch die Peneda Geres und dann haben Sie gar nichts davon."

 

  Vor lauter Schreck vergesse ich den Stempel, krame mein Notebook raus und stelle fest, dass die Nachricht stimmt. Fiese Regenwände aus dicken grauen Wolken bei sehr bescheidenen Temperaturen sind angesagt. Ich gehe erstmal was essen und verschiebe Stempel und Entscheidung auf morgen. Die Stadt ist hell erleuchtet. Kirmes ist im Dorf, und in der Kirche sind die Heiligtümer für die kommende Prozession reichlich geschmückt.

 

- Cabeceiras de Basto . Outeiro

 

  Seit gefühlten hundert Jahren habe ich keine Menschenseele mehr getroffen, mit der ich einen netten Abend verbringen oder nur ein vernünftiges Gespräch führen konnte. Pilger suchst Du hier vergebens und Radfahrer findest Du sowieso nicht mehr. In meinem Tagebuch steht "…….. hundert Jahre Einsamkeit sind genug!" Es ist so, wie es ist. Ich spreche kein Portugiesisch, und die Zweitsprache im Norden ist Französisch. In der Schule hatte ich Englisch und Latein. Oft habe ich auf meine Frage, ob jemand Englisch spricht, nur das Zucken der Schulter gesehen. ………. und dann kommt auch noch diese SMS.

  Nein! Nao! Nichts, aber auch gar nichts wird mich jetzt auf den letzten 250 km noch aufhalten. Weder die Wiege Portugals, noch andere Städte noch drohende Gewitterwände können mich stoppen. Ich will einfach nur noch am Ziel meiner Reise ankommen. Dazu ist mir mittlerweile jedes Mittel Recht, solange ich schneller als das Wetter bin.

 

  Vor mir liegt die Peneda Geres. Ich habe keine Ahnung, wie ich da hoch kommen soll. Mit Händen und Füßen erkläre ich einem Kioskbetreiber, was ich möchte, und 20 Minuten später hält ein Passat. Das Wohin ist schnell geklärt, und er bringt mich hoch. Ich habe das überhaupt nicht bereut, denn die Anfahrt in die Peneda Geres ist für mein Empfinden einfach nur langweilig. Das trifft zumindest für meine gewählte Route über die R311 und M308-4 zu. Nach den bisher gesehenen Dörfern übt das Dorf Venda Nova auf mich keinen Reiz mehr aus, es zu erkunden. Auf der Höhe bei Ponteira steige ich an schwarzen Felsformationen aus und rolle runter zum Stausee nach Paradela. Kennst Du einen Stausee in Portugal, dann kennst Du alle! Die Ufer mit ihren unwirtlichen Uferbefestigungen aus lockerem Fels oder glattem Beton sind doch alle gleich. Dass hier in der Einöde ein Panamera rumkurvt, wundert mich sehr. Der Besitzer ist bestimmt kein Kuhhirte.

 

  Nachdem ich schon in Vila Real Frieden mit mir und meiner Schmerzgrenze geschlossen habe, schließe ich in Paradela Frieden mit den portugiesischen Kampfhunden auf einer kleinen Terrasse am Stausee. Ja, es ist tatsächlich ein beruhigendes Gefühl. Ich kraule dem Hund den Nacken und spüre keinen belastenden Druck mehr. Dieses "Du musst das schaffen. Du musst da hoch. Du musst heute hier und morgen dort sein." Das ist mir zwar nicht egal geworden, doch vermehrt spüre ich, dass sich eine größere Gelassenheit Raum schafft. Nicht in diesem Augenblick, nicht plötzlich. Es ist eher eine Entwicklung, die schon auf dem letzten Teil meiner Tour Bayern lockt....... im Juni angefangen hat. Den zusätzlichen Warnhinweis vom Knie habe ich ebenfalls verstanden.

 

  Herr Hass hat eine neue Empfehlung für ein Bed & Breakfast etwas weiter am See in Outeiro bei einem deutschen Ehepaar. Ich rufe an und bekomme ein Zimmer.

  Allein auf dem kurzen Stück entlang des Seeufers waren so viele kurze Anstiege über 13%, dass ich wirklich überlegt habe, mein ganzes Gerümpel in den See zu werfen. Ich erreiche das Haus, staune ganze LEGO-Kästen voller Bauklötze und bin einfach nur hin und weg. Nach der Dusche bekomme ich ein Bier auf der Terrasse serviert und bleibe sitzen, bis es Zeit ist, schlafen zu gehen. Wäre es möglich gewesen, ich wäre noch einen Tag einfach sitzen geblieben. Doch das Haus war leider für das Wochenende ausgebucht. Oficina Do Joe Guesthouse.

  Joe ist Schlosser, hat eine eigene Werkstatt und baut alles, was Du aus Stahl bauen kannst. Hier oben besitzen viele sehr Reiche sehr große Ferienhäuser. Die Treppen sind alle von ihm. Gitte betreut die Gäste und führt das Haus. Sie leben seit 25 Jahren hier und haben eine neue Heimat gefunden. Sie erzählen vieles über sich und das Land. Seit längerem kann ich wieder lachen, sprechen, erzählen und mich über meine Befindlichkeiten austauschen. Ein traumhafter Tag endet mit einem traumhaften Abendrot auf der schönsten Terrasse Portugals.

 

- Outeiro . Tourem . Bande (Spanien)

 

  "Es wird da hinten richtig steil. Es wird sausteil! Soll ich dich hochfahren? Ich mache das wirklich sehr gerne!"

  Es ist bedeckt. Es ist kalt. Joe hat einen Pick-Up. Jürgen scheint reichlich hilfsbedürftig aus der Wäsche zu schauen. Niemals vorher habe ich mein Rad so schnell in ein Auto verfrachtet. Selten habe ich so spontan Hilfe angenommen. Dieses "ach danke, aber ich schaffe das schon" ist wie weggeblasen. Wir fahren hoch und Joe erzählt mir mit einen Blick auf meine Bastmatte noch, dass ich mich vor Vipern in Acht nehmen soll. Davon gäbe es hier oben relativ viele. Die Wildschweinpopulation und die Stallräuber hätten sie aber im Griff.

Ein ehrlicher und fester Händedruck und Joe ist weg.

 

  Ich mach mich bei 8° und kaltem Wind auf den Weg nach Tourem. Tourem ist das Dorf der Schmuggler, das Dorf, in dem die Zeit scheinbar stehen geblieben ist.

  Der überraschte Radfahrer wird hier von großen Rindern begrüßt und von liebenswerten Leuten im Cafe Paris in Empfang genommen. Für seinen letzten portugiesischen Stempel läuft die Tochter des Bürgermeisters extra ins Rathaus und bringt ihm das Credencial persönlich zurück. Nach dem obligatorischen, doppelten und letzten portugiesischen Espresso rolle ich über die Brücke des Rio de Salas. Ein Schild zeigt mir, dass ich die Grenze nach Spanien überfahren habe. Mein Navi zeigt automatisch die neue Zeit. Ich rufe einen Freund an, singe "iQue Viva España" ins Nokia und bin doch sehr gerührt, Portugal zu verlassen. Mehr gerührt, als ich erwartet habe. Kennt jemand die portugiesische Mama von Ulrich Roski?

 

  Am ehemaligen Grenzhäuschen schreibe ich mal wieder Tagebuch. Dem Unwetter bin ich davongekommen.

Vor mir liegt die OU-303. Vor mir liegt glatter Asphalt. Frisch und ausgeruht rolle ich Richtung Cerdedo und biege links ab, um über Taboadela eine Strecke mit pittoresken Dörfern zum Rio Limia zu fahren. Dieses winzige Sträßchen ist ein Traum.

  Bande ist nicht weit. Nach einer kleinen Pause vor dem Cafe des Grauens fängt es schlagartig an zu regnen. Die Gewitterfront ist da. Sie hält, was der Wetterbericht versprochen hat. Diese Kneipe hält nicht, was ihr Name verspricht. Stundenlang warte ich aufs Essen. Noch nie hab ich mich auf ein Bett gesetzt und bin nach hinten wieder rausgefallen. Das Bad ist schlimm……………………………….

 

- Bande . Celanova . Ourense

 

  Auch wenn die Wirtsleute ganz nett waren, bin ich froh, aus dem Kleeblatt raus zu sein. Die OU540 führt direkt in einem Rutsch nach Ourense. Es gibt fast durchgehende 5% Steigung oder Gefälle. Es gibt heute am Sonntag keinen Verkehr, es gibt keine Hunde, es gibt für mich nur diesen breiten Seitenstreifen. Was ist das für ein irres Gefühl. Ich will nur noch den letzten Gang treten. Nur ein paar Oldtimer in Celanova und ein paar Schafe irgendwo unterwegs lassen mich kurz anhalten.

Nach 2,5 Stunden, 350hm und 50km erreiche ich Ourense. Kann Radfahren doch schön sein.

 

- Ourense

 

  Geschafft. Die Via Lusitana endet hier.

  Ich rolle durch die Stadt bis zur alten Brücke über den Rio Miño. Hier beginnen die letzten hundertundzehn nach Santiago.

 

  Sehr geehrter Herr Hass,

Hunde haben mich gejagt. Es hat gegossen wie aus Eimern. Die Sonne hat mich verbrannt. Die Wege waren oft mörderisch steil. Ich war mehrfach nahe daran, alles hinzuschmeißen. Ich war oft alleine, habe geflucht und geschimpft. Wir haben während der Zeit gesimst, telefoniert und gemailt. Sie haben mich aufgemuntert. Sie haben mich gelegentlich gewarnt. Sie haben mich über die Zeit auf das Herzlichste und Freundschaftlichste begleitet. Dank ihres Engagements habe ich mich nicht ins Verderben gestürzt.

Aber, und dafür bin ich genauso dankbar, Sie haben einen, in ehrwürdigen Staatsbibliotheken vergrabenen, unbekannten und traumhaften Weg ans Licht geholt. Sie haben mit viel Herzblut daran mitgearbeitet, dass der Wanderweg in großen Teilen jetzt mit dem Fahrrad zu bewältigen ist. Trotz mancher Umwege und Abkürzungen bin ich durch sensationelle Landschaften gefahren, die ich sonst niemals kennen gelernt hätte. Ich habe viele hilfsbereite Menschen getroffen, Menschen, die mir die Seele Portugals näher brachten und mir damit halfen, Portugal besser zu verstehen. Die Via Lusitana ist nicht nur Ihr Baby, sie ist eine Bereicherung für mich und für viele andere Fahrradfahrer ganz sicherlich auch. Die mit und auf ihr verbrachte Zeit wird mich lange nähren.

 

  Das Hotel Irixo, auch ein Tipp aus dem Buch, ist mit 25,- Euro ein richtiges Schnäppchen mitten in der Altstadt von Ourense. Ich bleibe zwei Nächte. Den ersten spanischen Stempel bekomme ich in der Pilgerherberge. Die Stadt begeistert mich. Ich kann gar nicht genug Lebendigkeit aufsaugen. Selbst die Kathedrale ist ein Geschenk des Himmels.

Die Gespräche von Tisch zu Tisch funktionieren nicht nur am Abend. Beim Frühstück treffe ich einen spanischen Rentner, der früher mal eine Kneipe in Düsseldorf Niederkassel hatte. Jaja, Gesprächsstoff hatten wir wirklich ausreichend. Er zeigt mir noch die alten Thermen in der Stadt und einen Laden, in dem ich mir eine neue Stirnlampe kaufen konnte. Meine Petzl hatte ihren Geist aufgegeben. Mit der Touribimmelbahn lass ich mich herumfahren und bin erstaunt, dass es außerhalb der Stadt herrliche Thermalbäder gibt, in denen man es sich bei 35° Wassertemperatur so richtig gut gehen lassen kann.

 

- Ourense . Lalin . Santiago de Compostela

 

  Soll ich im Nebel der Via de la Plata folgen oder lieber der N525? Ich bleibe auf der N525 und treffe Pilger auf dem Mountainbike. Wir fahren stückweise zusammen. Bergauf sind sie schneller, bergab habe ich leichte Vorteile. Die Kilometer fliegen dahin, die Sonne kommt raus. Die Straße führt durchgängig mit maximal 7% durch die galizischen Hügel und ist traumhaft zu fahren. Das Mittel zwischen Navi und Tacho zeigt mir in Lalin 1200hm. Genug für heute. Ich möchte mittags in Santiago sein.

Hotel, Pilgermenu, Stempel, Frühstück, Sonnenschein. Ich treffe die Mountainbiker immer mal wieder und erreiche Santiago doch erst um 15:30 Uhr. Vom Rio Ulla hoch zum Zielblock war es anstrengender als erhofft. Geschieht mir das Recht? Schulde ich ihr doch noch mehr Abbitte? Ich lasse die Büchse der Pandora lieber geschlossen und schaue, dass ich ganz schnell weiter komme.

 

- Endlich in Santiago

 

Ich liege rücklings auf dem großen Platz vor der Kathedrale, blinzle in den blauen Himmel und kann es doch gar nicht glauben, hier zu sein. Das ist schon ein überwältigender Moment, der meine Vorstellungsgabe bei weitem übertrifft. Jubel, Trubel, Heiterkeit und Stille. Menschen umarmen sich, lachen, weinen, liegen einfach nur auf dem Boden, starren auf die Türme der Kirche, hocken schweigend an Wänden, fotografieren sich gegenseitig, erzählen Geschichten, schwärmen vom Erlebten. Jetzt, wo ich das zu Hause schreibe, mich an den Tag zurück erinnere, brauche ich ein Taschentuch. Vor der Kathedrale war ich dafür noch viel zu sehr mit der Frage beschäftigt: "…….und jetzt?"

 

  Mit dieser Frage bin ich hier scheinbar alleine. Ich habe den Eindruck, dass ganz viele die Antwort schon kennen. Mit einem Holländer gehe ich zum Pilgerbüro. Er fährt morgen früh zurück, wird abgeholt. Wir stehen zwei Stunden Schlange. Er kam mit dem Rad von Holland hierher und spricht von einer langen Zeit der Einsamkeit in Frankreich. Er spricht kein Französisch. Mit den Pilgern vor und hinter uns haben wir viel zu erzählen. Beim Warten auf die Urkunde bekomme ich mit, dass viele sofort, spätestens aber morgen schon wieder die Heimreise antreten. Ich verstehe das nicht. Das ist ja so wie .....bin kaum da, muss ich fort. Ich könnte es hier länger aushalten.

 

  Irgendwann bin ich an der Reihe, gehe zu Schalter sechs und finde vor lauter Aufregung meinen Ausweis nicht. "Wo kommen Sie her? Von Alcoutim? Via Lusitana? Kenne ich nicht." Ich zeige ihr das Buch und sie sagt: "Das werde ich mir anschaffen. Die Strecke ist bestimmt wunderbar. Sind Sie jetzt auch süchtig? ABER: Sie haben viel zuwenig Stempel. Eigentlich dürfte ich Ihnen die Urkunde nicht aushändigen. Seien Sie nur froh, dass Sie bei mir gelandet sind. Sie brauchen eigentlich für jeden Tag ZWEI Stempel. Doch ich glaube Ihnen." Wir erzählen noch ein bischen, sie schreibt meinen Namen auf Latein in die Urkunde, und ich brauche nach dem Schreck erstmal was zu trinken, bevor ich ins Hotel gehe.

 

  Der Abend ist erfüllt von Herzlichkeit, gutem Essen, bestem Wein und hunderten Eindrücken, die ich gar nicht alle beschreiben mag. Zwei Erlebnisse sind aber zu wertvoll, als das ich sie unerwähnt lassen möchte.

 

  Zum einen sehe ich ein Schild mit dem Namen A-Vaca. Es erinnert mich an ein Rad von Jose Maria und seine unerschütterliche Zuversicht in die Dinge. Ich stelle mir vor, ich sei von Sevilla bis hierhin und weiter nach Finisterre gelaufen. Das kann ich beim bestem Willen nicht begreifen und empfinde mehr als höchsten Respekt.

 

  Zum anderen habe ich ein neues Bild für das Wort Stille. Ich höre Gesang, der mich magisch anzieht. Im Gegenlicht der untergehenden Sonne steht eine chilenische Sopranistin und singt. Wie angewurzelt bleibe ich zunächst stehen, setzte mich dann auf die Stufen und könnte ihr endlos zuhören.

 

  Zum besseren Verständnis könnt ihr auf das Bild klicken.

 

. Santiago 01. Oktober

 

  Nachdem ich mich um die verschiedensten Dinge in der Unterstadt gekümmert habe, komme ich wieder zurück an den Platz meiner Ankunft. Der Strom der Pilger ist zwar zur jetzigen Jahreszeit überschaubar, doch er reißt nicht ab. Neue Gesichter, neues Lachen, neues Staunen. Einige Gesichter kommen mir bekannt vor. Mit manchen komme ich ins Gespräch.

  Es ist herrlich hier. Der Radreisende Thomas schrieb irgendwann: "Santiago ist einfach nur toll." Dem gibt es nichts hinzuzufügen!

 

  Es gibt viele Momente der Begegnung. Es gibt viele Momente der Stille. Ich kann mir aussuchen, was ich möchte. Ich empfinde diesen Tag nur noch als ein einziges riesengroßes Geschenk.

In dem Wissen, dass die Chilenin wieder singt, gehe ich zurück zu dieser Treppe, setzte mich und höre hin. Es gibt für mich nichts mehr zu tun. Meine Entscheidung für die Rückfahrt nach Lissabon ist gefallen. Vieles von dem, was ich hier im Bericht geschrieben habe, geht mir durch den Kopf, Bilder rasen vorbei. Ich möchte das Wort DANKESCHÖN in den Himmel posaunen und kann doch nur den Tränen ihren Lauf lassen.

"Jürgen, das ist dein Tag, den Du behalten wirst, bis der Vorhang fällt." Ja.

 

  Nach dem Abendessen lege ich mich noch einmal auf die wärmenden Steine am Zielblock, drehe mich wie ein Derwisch im Kreis, brülle mein Dankeschön und sonstwas in den Himmel.

Es ist Zeit, Zeit zu feiern, denn Tage wie diese erlebst Du nur selten. Musik liegt in der Luft.

 

  Zum besseren Verständnis bitte auf das Bild klicken

 

  Mit einem Bild voll strahlendem Glanz darf ich mich verabschieden und ganz herzlich fürs geduldige Lesen bedanken. Jürgen

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                                                                       16/12/2015

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